Wir fuhren mit zwei Wagen nach Kamares hinauf, wo wir in einem der örtlichen Kafenia die beiden Hirten trafen, die die verunglückte Maschine gefunden hatten. Sie erzählten uns von den drei Toten, die es bei dem Flugzeugabsturz gegeben hatte. Nachdem wir reichlich Getränke eingepackt hatten, brachen wir auf. Der Fußmarsch sollte nach Aussage der Hirten knapp vier Stunden dauern.
Am östlichen Dorfausgang ging es steil den Berg hinauf, an einer Wasserleitung am Wegrand entlang. Nach knapp zwei Stunden hielten wir uns an einer Weggabelung links; der Weg wurde immer steiler. Ich geriet allmählich außer Atem und musste feststellen, dass ich den Inspektor unterschätzt hatte. Er hielt locker mit den beiden Hirten Schritt, während die Polizisten und ich jeden Schatten nutzten, um ein wenig zu verschnaufen. So zog sich unser kleiner Zug etwas in die Länge, bis die Hirten und der Inspektor stehen blieben und darauf warteten, dass wir aufschlossen. Dann zeigte einer der Hirten auf eine kleine Kuppe vor uns.
„Da müssen wir noch rüber, dann sehen wir das Wrack schon.“
Inspektor Andreadis wischte sich jetzt doch ein paar Schweißtropfen von der hohen Stirn, dann nickte er.
„Dann wollen wir mal. Auf geht’s, meine Herren, Endspurt!“
Die Beamten schulterten ihr Gepäck, und ich schritt mit frisch erwachten Lebensgeistern munter voran, da ich mich dem Ziel unseres Marsches nahe wusste. Als wir oben auf der Kuppe ankamen, zeigte der Hirte nach rechts.
„Sehen Sie, da hinten liegt die Maschine.“
Von hier fiel das Gelände einige hundert Meter leicht ab, um dann in eine schroff aufsteigende Felswand überzugehen. Das Flugzeugwrack am Fuße der Wand war von hier aus deutlich sehen.
„Wir sind gleich da!“
Zehn Minuten später setzten die Beamten erleichtert aufseufzend ihre Taschen ab, wir hatten das Wrack erreicht. Der rechte Flügel war abgerissen und lag einige Meter entfernt, der Rumpf war durch den heftigen Aufprall aufgeschlitzt und stark deformiert, kleinere Wrackteile waren weit im Umkreis verstreut. Auf den vorderen Sitzen hingen zwei Leichen in den Gurten, eine dritte lag neben dem Flugzeug. Ich ging näher, um mir das Ganze genauer anzusehen. Der Pilot hing über dem Instrumentenbrett, sein Oberkörper war durch den Aufprall zerschmettert. Als ich den Toten untersuchen wollte, rief mir Inspektor Andreadis aufgeregt zu, bloß nichts anzufassen, bevor die Leute von der Spurensicherung ihre Arbeit getan hatten. So begnügte ich mich folgsam mit dem bloßen Augenschein. Ich entdeckte im Hinterkopf des Piloten etwas, was wie eine Schussverletzung aussah. Aber wer erschießt denn einen Piloten, während das Flugzeug in der Luft ist? Das kommt in der Regel einem Selbstmord gleich, vor allem hier oben im Gebirge. Ich wandte mich der Frau zu, die beim Aufprall neben dem Piloten gesessen hatte und nun ebenso leblos wie er in den Gurten hing. Da ich wusste, nach was ich suchte, entdeckte ich schnell auch bei ihr das Einschussloch unter dem linken Ohr. Was war hier abgelaufen? Ich wandte mich von der Maschine ab, während die Polizeibeamten ihre Arbeit begannen, und untersuchte die Leiche, die neben dem Flugzeug lag. Auch sie wies eine Schussverletzung auf, allerdings am Oberarm. Auch hier zeugten Schmauchspuren davon, dass der Schuss aus unmittelbarer Nähe abgefeuert, ja vielleicht sogar aufgesetzt worden war. Außerdem entdeckte ich einen Einstich in der Brust der Leiche, der von einem Messer stammen konnte und heftig geblutet hatte. Der Körper des Mannes wirkte unnatürlich verdreht, und ich vermutete, dass er beim Aufprall aus dem Flugzeug geschleudert worden war und dabei sämtliche Knochen gebrochen hatte.
Ich hatte in meinem Leben schon einige Leichen gesehen, aber das hier waren ein paar zu viel für mich. Ich entfernte mich von der Unglücksstelle und setzte mich in den Schatten eines Felsens, um gegen die Übelkeit anzukämpfen, die sich in mir breit machte. Nach und nach gelang mir das, während ich aus sicherer Entfernung zuschaute, wie sich die Beamten am Wrack und an den Leichen zu schaffen machten. Ich war gespannt, ob ihre Diagnose mit der meinen übereinstimmen würde: hier war es zu einer Auseinandersetzung gekommen, die damit geendet hatte, dass einer der Mitreisenden auch den Piloten erschossen hatte, so dass die Maschine unweigerlich abstürzen musste. Keiner hatte überlebt, und ich vermutete, dass der neben dem Flugzeug liegende Tote der Mörder war. Die beiden anderen waren noch angeschnallt und kamen deshalb kaum in Frage.
Der Inspektor kam müden Schritts zu mir herüber und setzte sich neben mich in den Schatten. Er seufzte tief und angewidert.
„Nun, was halten Sie davon?“
Der Inspektor zuckte die Achseln.
„Genaues kann ich natürlich noch nicht sagen, aber ich nehme an, wir denken ungefähr das Gleiche. Es hat an Bord der Maschine Streit gegeben und sie haben sich gegenseitig umgebracht, ohne daran zu denken, dass eine Maschine ohne Pilot nur sehr schwer in der Luft zu halten ist. Bums, das war’s!“
„Haben Sie eine Ahnung, was das für Leute sind?“
„Natürlich, ich habe mir schließlich in Chania die Passagierliste besorgen lassen, nachdem wir wussten, um welches Flugzeug es sich handelt.“
„Und?“
„Der Pilot heißt Vassilis Roussos und arbeitet schon seit vielen Jahren für die CIC, der die Maschine gehört, wie Sie wissen. Er galt als erfahrener Flieger und hat jede Menge Flugstunden auf dem Buckel. Die tote Dame auf dem Beifahrersitz, falls man das in einem Flugzeug so nennt, muss die Sekretärin Evtychia Marmara sein, die die beiden Manager der Firma begleiten sollte.“
„Wieso die beiden? Außer dem Piloten und der Sekretärin sehe ich nur noch einen Toten.“
„Das ist korrekt. Das ist vermutlich Manolis Papadimarakis, von dem bekannt ist, dass er unter Flugangst litt, der aber trotzdem immer wieder für die Firma per Flugzeug unterwegs war. Der andere, Andreas Kypourgos ...“
„Was ist mit dem?“
„Immer langsam voran, ich erzähle es Ihnen ja schon! Kypourgos wollte ursprünglich als vierter Mann mitfliegen. Die beiden sollten in Timbaki etwas für die Firma erledigen, aber er machte angeblich im allerletzten Augenblick einen Rückzieher, weil er, wie es heißt, genau so viel Angst vor dem Fliegen hatte wie sein Kollege. Nur hat er sich getraut, das zuzugeben und hat so den Absturz nicht miterleben müssen. Er wollte mit dem Auto nach Timbaki fahren. Ich habe aber noch nicht nachprüfen können, ob er inzwischen angekommen ist.“
„Also, wenn ich Sie richtig verstanden habe, waren nur drei Leute an Bord der Maschine?“
„Laut Passagierliste vier, aber ich sagte ja schon, im letzten Moment soll der Vierte nicht eingestiegen sein.“
„Und die Passagierliste wurde nicht mehr geändert?“
„Nein.“
„Ist das normalerweise denn in so einem Fall nicht üblich und notwendig?“
„Natürlich, aber haben Sie schon einmal davon gehört, dass nicht jede Vorschrift immer eingehalten wird?“
„Selbstverständlich.“
„Und hier war es wohl so. Jedenfalls haben wir drei Tote und eine in meinen Augen durchaus plausible Erklärung für das Fehlen eines vierten. Also konzentrieren wir uns auf die drei und die möglichen Gründe, die zum Streit oder was auch immer und damit zu der Katastrophe geführt haben. Ich habe, schon bevor wir hier heraufgestiegen sind, vorsorglich über den Kollegen Voskakis die Personalakten der Toten erbeten. Ich hoffe, sie sind inzwischen in Agia Galini eingetroffen. Vielleicht finde ich darin einen Hinweis. Jedenfalls gibt es bisher nichts, was ich als Anhaltspunkt für die Beteiligung einer weiteren Person betrachten könnte.“
„Und der Messerstich, der den Mann neben der Maschine getötet hat oder zumindest verletzt hat? Haben Sie ein Messer gefunden, oder die Pistole?“
„Ja und nein. Eine Pistole lag hinter dem Sitz des Piloten; wir werden umgehend feststellen, ob es sich um die Mordwaffe handelt. Ein Messer haben wir bisher nicht entdeckt, und ich gebe zu, dass das meine Theorie, einer der beiden anderen habe sich mit dem Messer gewehrt, nicht gerade erhärtet. Aber wir suchen weiter. Wahrscheinlich finden wir das Messer noch; Sie haben ja selbst gesehen, dass kleinere Wrackteile beim Aufprall ziemlich weit verstreut worden sind. Irgendwo wird sicher auch das Messer liegen.“
„Es klingt alles vollkommen logisch, und ich gebe zu, dass ich bis hierher ganz ähnlich gedacht habe wie Sie. Was mir aber nicht in den Kopf will, ist die Frage: Warum bringt jemand den Piloten eines in der Luft befindlichen Flugzeuges um, wenn er selbst darin sitzt und unweigerlich mit abstürzt?“
„Auf diese Frage kann ich auch keine Antwort aus dem Ärmel schütteln; aber ich weiß, dass manche Menschen Dinge tun, die wir Normalsterblichen nicht begreifen. Vielleicht wollte der Mörder ja mit abstürzen, vielleicht war er auch nur aus irgendwelchen Gründen so von Sinnen, dass er zunächst handelte und erst später über die möglichen Konsequenzen nachdachte.“
„Als es zu spät war.“
„Als es zu spät war, ja. Jedenfalls sieht so meine vorläufige Theorie aus, ich warte jetzt ab, was die Spurensicherung erbringt und was ich möglicherweise in den Personalakten finde. Dann sehe ich weiter und hoffentlich klarer.“
„Das heißt, im Moment können wir beide hier eigentlich nicht mehr viel tun.“
„Genauso ist es. Ich habe auch gerade erwogen, alleine wieder hinunterzusteigen und das Ende der Arbeiten hier nicht abzuwarten. Sie können ja gerne mitkommen. Wenn sich etwas Neues ergibt, das auch Sie wissen dürfen, sage ich es Ihnen dann schon.“
„Also gehen wir los. Hier oben ist es mir zu sonnig, und außerdem habe ich schon wieder Hunger und Durst nach etwas Kräftigendem.“
„Ich mache mit. Aber Sie haben sich gut gehalten.“
„Sie doch auch. Ihnen als Büromenschen hätte ich das nicht zugetraut.“
„Ich halte mich eben regelmäßig fit. Also, packen wir’s?“
Wir erhoben uns, der Inspektor gab noch einige Anweisungen, dann begleitete uns einer der beiden Hirten hinunter ins Tal, damit wir den Weg nicht verfehlten. Zunächst hielt ich das für überflüssig, aber nachdem der Mann bereits das dritte Mal anders abgebogen war, als ich es aus meinem Ortsgedächtnis heraus getan hätte, war ich über seine Begleitung doch mehr als froh.
Nachdem der Inspektor und ich in Kamares unser Vorhaben wahr gemacht und eine große Portion Saganaki, das sind Rühreier mit Tomaten, Paprika und Käse, vertilgt und mit viel Wein hinunter gespült hatten, brachte er mich mit seinem Auto nach Agia Galini.
„Ich muss mich bei Ihnen bedanken, Herr Andreadis. Aber ich habe immer schon gewusst, dass wir eines Tages wirklich zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit finden würden.“
„Mein lieber Jak, das mit dem Vertrauen ist so eine zweischneidige Sache. Sie haben überhaupt keine Skrupel, mich nach Belieben anzuzapfen. Und Ihrerseits halten Sie gerne mit Ihrem Wissen hinter dem Berg. Das passt mir überhaupt nicht.“
„Aber ich habe nichts Greifbares, das ich Ihnen mitteilen könnte. Sie vergessen, dass ich ganz am Anfang meiner Ermittlungen stehe. Außerdem arbeiten wir nicht am selben Fall, auch wenn es den Berührungspunkt CIC gibt. Der war ja auch der einzige Grund, warum ich Sie ins Gebirge hinauf begleiten wollte. Aber gebracht hat es mir anscheinend nichts, denn ich wüsste nicht, was die drei Toten im Flugzeug mit meiner entführten Fabrikantentochter zu tun haben. Wenn sie eine von den dreien gewesen wäre, dann hätte ich meine Arbeit bereits erledigt.“
„Jak, versündigen Sie sich nicht. Abgesehen davon, Sie sollen doch keine Leiche finden, sondern eine möglichst lebendige Tochter. Und zudem wäre dann Ihr lukrativer Auftrag schon beendet; denken Sie doch mal praktisch. Dann wären Sie mal wieder arbeitslos.“
„Jetzt, wo Sie mich daran erinnern, fällt mir ein, dass ich nur ein Tageshonorar und keine Prämie für den Erfolgsfall ausgehandelt habe. Ich sollte noch abgebrühter werden, vor allen Dingen, wenn es sich um so unsympathische Klienten handelt wie diesen Herrn Frenakis.“
„Sei es wie es sei: Wenn sich bei Ihren Ermittlungen irgend etwas ergeben sollte, was mir auch bei meinem Fall weiter helfen könnte, lassen Sie es mich wissen. Und zwar umgehend!“
„Na, das verspreche ich doch mit Vergnügen.“
„Und mit eben solchem Vergnügen werden Sie das Versprechen nicht halten. Ich kenne Sie leider. Aber ich lasse mich nicht noch einmal an der Nase herumführen.“
„Das brauchen Sie auch nicht. Aber verlangen Sie bitte nicht von mir, dass ich mit Ihrem Kollegen Voskakis allzu freundschaftlich verkehre. Ich bin ihm schließlich ebenso zuwider wie er mir. Ich mache bei Ihnen wirklich eine der seltenen Ausnahmen, was meine grundsätzliche Abneigung gegen die Polizei betrifft.“
„Danke für die Blumen. Und bei der Gelegenheit: Um Ihnen ein für alle Mal den Kugelblitz auszutreiben, nennen Sie mich Michalis. Es ist mir lieber, von Ihnen geduzt zu werden, als mir dauernd Ihre Unverschämtheiten anhören zu müssen.“
„Das ist eine Ehre für mich. Wir werden also heute Abend offiziell Brüderschaft trinken, was halten Sie davon? Aber Sie dürfen ruhig auch jetzt schon Jak zu mir sagen!“
„Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, dass ich das schon des Öfteren getan habe?“
„Es ist mir aufgefallen, aber ich habe es großmütig toleriert. Sie sollen ja auch was vom Leben haben. Bis heute Abend also, in alter runder Frische. Wenn ich Sie schon duzen darf, kann ich dich noch viel besser foppen.“
„Untersteh dich, du Mistkerl!“
Ich lachte und stieg in meinen kleinen blauen Flitzer.
„Ich fahre nach Timbaki und knöpfe mir mal ein paar Leute vor. Und wenn ich was Interessantes für dich habe, erfährst du es als Erster. Aber nicht gleich alles dem alten Büffel Voskakis weitersagen!“
Jetzt musste auch er lachen.
„Wie sprichst du über einen Polizeibeamten?“
„Ich? Was habe ich denn gesagt?“
Ich startete den Motor und brauste davon. Er winkte mir nach. Jak, du wirst alt und weich, wenn ein Bulle anfängt, dir sympathisch zu werden.