Leseprobe aus "Kreta kann sehr warm sein"

Auch Panos Metritis nutzte meist die Gelegenheit, wenn er hier unten weilte, sich eine Weile in eines der Lokale zu setzen und die ankommenden Wagen zu beobachten. Dieses Interesse war eher nicht dienstlicher Natur, und womit sollte er sonst den Tag totschlagen. Er saß gerade bei einem Kaffee mit Kognak, als ein Taxi vor der Taverne hielt. Ihm entstiegen zwei Figuren, die Panos Metritis auf den ersten Blick als recht sonderbar einstufte. Beide waren ziemlich mollig gebaut, trugen lange wallende, luftige Gewänder, der eine ganz in weiß, der andere bevorzugte ein dunkelgrünes Lila, beide trugen lange Haare, der eine als Zopf, der andere als Pferdeschwanz.
Sie palaverten eine Weile mit dem Taxifahrer herum, wahrend dieser ihre Koffer auslud, und man wurde sich einig. Die beiden ließen ihre Koffer vor der Taverne stehen und schwebten hinein. Der Weiße mit dem Zopf kam direkt auf Panos Metritis zu.
"Liebster Herr Polizeipräsident, wie praktisch, dass sie uns gleich begegnen. Hätten Sie denn vielleicht einen Tipp fur zwei müde Damen, die ein Zimmer suchen?"
Panos Metritis stutzte. Was hatte er da eben gehört?
"Damen?"
"Ach ja mein Bester, man tut was man kann. Aber sie haben meine Frage nicht beantwortet."
"Nun gut ... Es gibt hier zwei Zimmervermietungen. Das ist natürlich kein besonders großes Angebot, und ich weiß auch nicht, ob im Moment etwas frei ist. Gehen Sie einfach ein Stück die Straße weiter hinüber, über die Terrasse des letzten Lokals den kleinen Weg hoch, dann finden Sie links die Pension von Kira Aliki. Wenn Sie da nichts kriegen, gehen Sie noch ein paar Meter weiter, dann kommen Sie zu Kira Ismini, die hat noch mehr Zimmer. Ihre Pension nennt sich 'Pantokrator'. Aber ich weiß nicht, ob was frei ist hier. Ansonsten vermietet der Besitzer dieser Taverne auch Zimmer oben, auf halber Strecke nach Ano Zakros."
"Zu gütig, liebster Polizeirat. Wir werden es ausprobieren. Oben am Berg wurden wir aber lieber nicht wohnen. Mein Freund Rachel leidet sehr unter Höhenangst." Der andere war inzwischen auch näher getreten und warf dem Polizisten so etwas wie eine Kusshand zu.
"Zum Glück verdanke ich meinem Freund Antonis, dass ich so ganz passabel Ihre Sprache spreche. Mein Name ist Rachmaninoff, das kleine Liebchen macht aber immer wieder Rachel daraus. Wir sind zum Urlaub hier, mussen Sie wissen."
Panos Metritis erhob sich halb aus seinem Stuhl und bot den beiden einen Platz an. Sie dankten und schwebten auf die Stühle nieder.
"Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?"
"Oh ja, ein kleines Ouzöchen ware schon recht. Die Reise hierher hat uns doch arg mitgenommen."
Rachmaninoff tupfte sich mit einem großen lila Taschentuch die Stirn.
"Nun, dann lassen wir es kommen, das Ouzöchen."
Panos Metritis winkte dem Kellner, der kurz darauf eine Karaffe Ouzo mit einem Teller Mesedes brachte. Antonis kreischte entzückt auf.
"Ja, das ist es wohl, was wir brauchen, um dann die schweren Koffer noch dort hinauf zu tragen."
Sein Freund hatte inzwischen irgendwo aus seinem Gewand einen lila Fächer hervorgezaubert, mit dem er sich nun eifrig bewedelte.
"Sie müssen wissen, Herr Polizeirat, wir beide machen ansonsten in Pelzen. Mein Freund Rachel stammt aus Frankfurt, ich selbst aus Kastoria. Sie wissen ja, dort ist das Zentrum des Pelzhandels in Griechenland. Ich lebe aber jetzt auch in Frankfurt, natürlich."
Er warf dem anderen einen süßen Blick zu, den dieser mit einem Luftküsschen erwiderte.
"Nun aber wollen wir doch einmal der Muße und der Muse fronen. Rachel zum Beispiel ist ein großer Freund von Konstantinos Kavafis."
"Lebt der Herr hier?"
Der andere kicherte albern.
"Aber ich bitte Sie, Herr Polizeirat. Konstantinos Kavafis war unser größter griechischer Dichter. Jedenfalls für mich. Und er ist schon lange tot. Leider. Aber Rachel ist auch toll, Sie sollten sie einmal hören, wenn sie diese göttlichen Zeilen von Kavafis deklamiert."
"Hm ... ja."
Panos Metritis war ein wenig sprachlos ob dieser geballten "Weiblichkeit". Aber er blieb so ruhig, wie er normalerweise war und ließ die beiden einfach weiterreden.
"Ach, ich Dummerchen habe doch glatt vergessen, mich selbst auch einmal vorzustellen. Mein Name ist Antonis Mastouridis, mein Rachelchen nennt sich so gern Rachmaninoff, aber sie heißt natürlich eigentlich ganz wirklich Heinz Rachmann. Soviel zur Etikette. Dürfen wir Sie denn jetzt zu einem zweiten Ouzöchen einladen?"
"Nun, ich bin im Dienst. Ich glaube, ich sollte mich jetzt in mein Büro zurückziehen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt hier, meine ... aaah ... Herren."
Panos Metritis war doch ein wenig verwirrt. Als er aufstand und sich höflich noch einmal knapp verbeugte, folgten ihm Blicke vom Nebentisch.
An diesem Tisch saßen zwei jüngere Männer, die das Gespräch sehr genau verfolgt hatten.
"Pelzhändler ... Und schau dir doch mal an, wie die sich herausgeputzt haben, die Schwuchteln. Geld haben sie also garantiert. Bei denen wäre sicher was zu holen." "Apostolis, nicht so voreilig. Die sind so warm, daß du dich an ihnen verbrennst, aber ob sie Geld haben, weiß doch keine Sau."
"Ich habe da so meine Erfahrungen, Odysseas. Die Typen stinken vor Geld, warte es ab. Wie wäre es, wenn wir ihnen einfach anbieten, die Koffer zur Pension zu bringen. Sie finden die ja 'ach so schwer'. Auf die Art wissen wir, wo sie wohnen und können vielleicht ... du weißt schon. Die haben Geld, soviel ist sicher!"
"Wenn du meinst, ich bin mir aber nicht so sicher."
"Es reicht doch wohl, wenn ich mir sicher bin!"
Apostolis erhob sich und schlenderte zum Nebentisch hinüber.
"Meine Herren, ich habe ganz zufällig Ihr Gespräch eben zum Teil mitgehört, Sie müssen bitte verzeihen. Wenn Sie wünschen, übernehmen mein Freund und ich gerne den Transport Ihres Gepäcks bis zu Ihrem Zimmer. Es ware uns ein Vergnügen."
"Oh, wie entzückend. Rachel, hast du das gehört. Der süße Bube hier will uns helfen."
"Das ist sehr lieb. Aber wir haben doch noch kein Quartier."
"Wir werden sicher eins finden. Verschieben wir halt das nachste Ouzöchen auf später und machen wir uns auf die Beine, Liebster!"
Odysseas und Apostolis, die beiden jungen Manner, waren auch nur auf Urlaub hier. Eigentlich lebten sie in Athen, aber in den Sommermonaten machten sie gern die Inseln ein wenig unsicherer. Da in Griechenland auf dem Land Kriminalität sozusagen ein Fremdwort war, waren auch die Touristen entsprechend sorglos, und so konnten sie immer wieder hier oder dort etwas abstauben. Vor allen Dingen deshalb, weil ihrer Meinung nach die Polizei hier weitaus weniger effektiv arbeitete als in den Metropolen wie Athen oder Thessaloniki.
Sie folgten den beiden Ankömmlingen die Straße entlang - die Koffer waren wirklich etwas schwer - und den kleinen Weg hinauf. Sie fanden in der kleinen Pension von Kira Aliki tatsächlich ein Doppelzimmer, das den beiden "Damen" zusagte, Antonis Mastouridis verteilte ein großzügiges Trinkgeld an Apostolis und Odysseas, die sich höflich bedankten und sofort wieder ihrer Wege gingen. Sie wussten nun, was sie wissen wollten.
"Odysseas, die beiden Kühe melken wir noch."

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