Es ist Anfang Juni. Das Telefon klingelt. Der Anrufer, von Beruf Psychotherapeut und Hobbyverleger psychologischer Fachbücher, deren Vertrieb zu meinen Obliegenheiten gehört, ist auch ein guter Freund von uns. Er bespricht einige geschäftliche Dinge mit mir und erkundigt sich zum Schluss: "Wann fahrt Ihr denn in diesem Jahr nach Kreta?"
"Gar nicht, wir haben kein Geld. Wir hatten ein paar etwas dickere Sonderausgaben, da muss der Urlaub eben mal flach fallen."
Zum besseren Verständnis der folgenden Geschichte muss ich noch erwähnen, dass er wirklich den Verlag nur aus Hobby betreibt und ordentlich Geld reinsteckt… das er allerdings auch in absolut ausreichendem Maße hat. Und nicht nur das, seine Frau kommt aus einer amerikanischen Multimillionärsfamilie. Zur Hochzeit hatten ihre Eltern den beiden ein "Ferienhaus" auf Capri geschenkt.
Warum ich das Wort in Anführungszeichen setze? Nun, es war kein Ferienhäuschen im herkömmlichen Sinne, sondern in meinen Augen ein hochherrschaftliches Gebäude (allein das Wohnzimmer hatte mindestens 150 Quadratmeter!), auch wenn es sich "nur" um das ehemalige Gästehaus derer von Bismarck handelte. Ich beschreibe es später noch genauer.
"Warum kommt Ihr und dann nicht in Capri besuchen, wir fliegen am Wochenende runter und bleiben einige Wochen."
"Lieb gemeint von dir, aber wenn wir kein Geld haben, um nach Kreta zu fliegen, dann haben wir auch keins, um nach Neapel zu fliegen."
Seine Stimme klang plötzlich erstaunt.
"Wenn ich euch einlade, dann sind die Flugkarten natürlich inbegriffen. Sag mir nur, wann Ihr kommen wollt."
"Mike, das kann ich nicht annehmen."
"Doch das kannst du. Wie soll ich dir denn sonst zeigen, wie sehr ich mit deiner Arbeit zufrieden bin."
"Das tust du doch schon lange. Immerhin bezahlst du mich."
"Das ist doch jetzt egal. Sprich mit Yvonne, wann ihr kommen wollt, dann lasse ich euch die Flugtickets im Laden vorbeibringen. Und jetzt keine Widerworte mehr, du weißt, dass ich es mir leisten kann. Ich rufe nachher noch mal an."
Konnten wir das wirklich annehmen? Unter dem Gesichtspunkt, dass es für ihn wirklich nicht viel mehr als "Peanuts" waren, eigentlich schon. Das fand dann auch Yvonne, und so bekamen wir schon am nächsten Tag unsere Tickets nach Neapel. 10 Tage später sollte es losgehen.
Als ich Mike anrief, um mich zu bedanken, winkte dieser nur abermals ab und schärfte mir ein, dass die Fährboote und die Flying Dolphins in Neapel vom "Molo Beverello" abfuhren.
"Nehmt euch am besten ein Taxi! Das zahle natürlich ich."
Dazu sagte ich dann erst einmal nichts mehr.
Wir kleideten uns für Capri ein bisschen feiner ein, denn nach allem, was wir in den nächsten Tagen hörten und lasen, war der für Kreta allemal passende "Räuberzivil" eben dies für Capri weniger. Yvonne kaufte sich ein paar hübsche Sommerkleider und ich zwei helle, leichte Leinenanzüge. Damit konnten wir uns sehen lassen!
Der Tag der Abreise kam, begann aber nicht ganz programmgemäß. Wir saßen bereits im Warteraum am Düsseldorfer Flughafen und beobachteten einige Mechaniker, die intensiv am Triebwerk unserer Maschine arbeiteten. Die planmäßige Abflugszeit war längst weit überschritten, als wir dann endlich aufgerufen wurden.
Da wir nur flüchtig gefrühstückt hatten, begannen wir uns aufs Essen zu freuen, als die Maschine mit etwa eineinhalbstündiger Verspätung endlich abhob. Aber zuerst einmal tat sich gar nichts.
Und dann kam die Durchsage: "Meine Damen und Herren, wir dürfen uns für die Verspätung entschuldigen. Wir haben einen kleinen Defekt an der zweiten Ersatzklimaanlage. Das ist zwar für unsere Flugsicherheit nicht weiter schlimm, aber vorsichtshalber werden wir in München, unserem Stammflughafen, zwischenlanden und die Anlage in Ordnung bringen lassen."
Auf den Gesichtern unserer Nachbarn zeichnete sich Erstaunen ab. Wegen eines harmlosen Defekts am Ersatz des Ersatzes machten wir nun eine sicherlich nicht billige Zwischenlandung? Das mochte glauben, wer wollte! Der Pilot fügte noch hinzu, wir müssten uns leider auch mit dem Essen gedulden, weil man gleich bereits mit dem Sinkflug beginnen werde.
Als wir dort glücklich gelandet waren, bedeutete man uns, wir könnten das Handgepäck in der Maschine lassen. Am Schalter der Fluggesellschaft im Transitbereich würden wir Verzehrgutscheine für einen Imbiss bekommen.
Ich weiß nicht mehr genau, wie viel die Gutscheine wert waren, viel war es aber nicht: es reichte pro Person gerade mal für ein Getränk – für mich eine halbe Maß Bier – und ein Paar Bockwürstchen mit Brot. Üppig ist anders, aber das Bier schmeckte wenigstens.
Nachdem wir dann nach über einer Stunde endlich erfuhren, dass es noch mindestens eine weitere Stunde dauern würde, beschloss ich, aus zwei Gründen auf Capri anzurufen: Zum einen sollten sie sich keine Sorgen machen, zum anderen musste ich wissen, wann das letzte Boot nach Capri fuhr. Gedanklich richteten wir uns bereits auf eine (unerwünschte) Übernachtung in Neapel ein.
Ich erreichte Mike erst beim dritten Versuch (eigentlich hätten wir um diese Uhrzeit längst gelandet sein müssen und wären vermutlich schon auf Capri angekommen). Mike bestätigte das, außerdem hätten sie sich ernsthaft Sorgen gemacht. Er habe nämlich schon in Düsseldorf angerufen, aber dort hätte niemand gewusst, wo die Maschine geblieben sei. Er habe schon befürchtet, wir seien in den Alpen abgestürzt. Nun, so weit waren wir zum Glück noch nicht.
Die Frage nach dem letzten Fährboot konnte nicht genau beantworten, aber: "Ich schicke euch Ronnie mit dem Schiff rüber, der wartet dann aber am Flughafen mit dem Taxi auf euch. Dann geht alles schneller, außerdem kann er Italienisch! Ruft bitte noch mal an, wenn Ihr genau wisst, wann es bei euch weiter geht."
Ich will diesen Teil der Geschichte nicht zu episch werden lassen, nur so viel: Nach geraumer Zeit erfuhren wir, dass wir nun doch mit einer anderen Maschine weiter fliegen würden, durften unser Handgepäck aus der alten holen und nach einer weiteren halben Stunde, die ich für den nächsten Telefonanruf nutzte, durften wir dann endlich einsteigen. Der weitere Flug verlief recht ereignislos, abgesehen davon, dass die Landung in Neapel aufgrund starker Fallwinde alles andere als ruhig verlief.
Immerhin waren aber Ronnie und das Taxi da. Da wir wirklich schon recht spät dran waren, um das letzte Boot noch zu erreichen, gab der Taxifahrer sein Bestes. Das taten die anderen Verkehrsteilnehmer allerdings auch. Ich kannte schon den Verkehr in Paris und Athen, aber so etwas wie Neapel hatte ich bis dato noch nicht erlebt (und später auch nicht). Hier fuhr wirklich jeder, wie er gerade wollte! Und das nicht gerade zimperlich.
Jedenfalls atmeten wir dankbar auf, als der Wagen am Hafen anhielt… wir hatten zeitweise um Leib und Leben gebangt (nur Ronnie blieb ganz cool) – und das Fährboot war auch noch da. Ronnie hatte schon Tickets gekauft, so dass wir direkt an Bord konnten.
Ein Satz zu Ronnie: Er war sozusagen das Faktotum für Mike uns seine Familie, die außer ihm noch aus Mikes Frau Maria und der kleinen Adoptivtochter Miriam bestand. Er erledigte alles für Mike und wurde dafür von ihm finanziert (übrigens habe ich alle Namen geändert).
Es dauerte nicht lange, bis das Boot ablegte. Aufgrund des immer noch herrschenden Windes schwankte es aber ziemlich, sodass unser Jüngster es ein bisschen mit der Angst bekam und wir ihm zuliebe das Oberdeck verließen. Schlecht wurde aber keinem von uns.
Als das Schnellboot in Marina Grande, dem "großen Hafen" der Insel, anlegte, stand die ganze Familie auf der Mole und begrüßte uns. Bei aller Ankunftsfreude hatte Mike aber leider eine "schlechte Nachricht" für uns.