Von Reinhilde Digruber
Erstes Treffen mit einem bis dahin „nur“ virtuellen Bekannten aus dem alten Kreta-Forum, den wir, um die Privatsphäre zu wahren, in der Folge einfach Herrn X nennen werden. Die Chemie stimmte gleich beim ersten Frappé auf der Terrasse unseres Hotels. So vereinbarten meine Reisebegleiter und ich, dass wir den nunmehr zur realen Person gewordenen virtuellen Forumsfreund, der die erste Woche seines Urlaubs geplant alleine auf der Insel war, auf unsere Ausflüge mitzunehmen. So verbrachten wir viele gesellige Stunden im Homo-Sapiens-Museum, in Ágios Nikólaos, Eloúnda, Kritsá und lernten gegenseitig die bevorzugten Wohlfühlplätze auf der Insel kennen.
Da darf natürlich auch mein Áno Asítes nicht fehlen und so ging dann unser Ausflug im Prótos-Leihwagen des Herrn X los. Auf Umwegen über das malerische Hinterland landeten wir zuerst einmal in Pezá und besichtigten die dortige Weinkooperative. Die Weinverkostung, die wir mit zwei Mal einem Fingerhut Wein (= 2 x 1/16 l) pro Person tapfer meisterten, veranlasste uns, einige Flaschen Imíglykos zu erwerben. Im Weinmuseum labten wir uns allerdings auch mit jeweils mindestens einem Liter kalten Wasser, weil der Leihwagen nämlich ein riesiges Manko aufwies. Die Fenster ließen sich nicht öffnen!
Rainer von Prótos hatte Herrn X schon den Austausch des Autos für den nächsten Tag zugesagt. Wir hatten also für die Fahrt auch entsprechend Wasser eingelagert, das allerdings nach einer Stunde im Auto schon knapp unter dem Siedepunkt angelangt war. Mit fortschreitender Tageszeit wurde der Aufenthalt im Auto immer beschwerlicher und vor allem unendlich schweißtreibend. Nachdem wir Iráklion verlassen hatten und uns wieder auf freier Flur befanden, gab’s natürlich die eine oder andere Pause zum Frischluft tanken. Solcherart schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogen, langten wir in der ärgsten Mittagshitze vollkommen dehydriert in Asítes ein. Unser Allgemeinzustand muss offensichtlich ganz schlimm gewesen sein, weil mein Freund Lagou, der leider im vergangenen Winter verstorbene Inhaber des Kafenío, sofort mit gekühlten Getränken über die Straße auf uns zueilte. Wieder halbwegs erholt musste ich natürlich erzählen, warum wir derartig geschlaucht und fertig in Asítes angekommen waren. Eine Welle des Bedauerns aller Gäste des Kafenío, das seine Tische draußen auf der Platía aufgestellt hatte, linderte unsere Strapazen zusätzlich noch auf ganz besondere Weise. Lagou beorderte seinen Sohn, einen gottbegnadeten Mechaniker, von der Siesta geradewegs ins Kafenío, um sich unser Auto näher anzuschauen.
Die "Reparatur" dauerte dann nicht länger als ein paar Sekunden. Ein Druck auf den Fensterheber genügte und die Fenster ließen sich nach Belieben öffnen und schließen. Ich dachte schon an ein Wunder und der kleine Lagou stieg ganz gewaltig in meiner Achtung. Bis ich den hochroten Kopf des Herrn X bemerkte … nach eingehender Inspektion des Fahrzeuges bekam ich von diesem nur zu hören: "… und ich habe seit ein paar Tagen geglaubt, die Fensterkurbeln wären abgebrochen!"
Ich konnte weder das Gehörte glauben, geschweige denn begreifen, warum ich – ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten – nicht einmal einen einzigen Versuch gemacht hatte, die Technik des Autos vielleicht doch überlisten zu können.
Diese Episode hängt mir im Dorf heute noch nach. "Hilda, se parakaló, ánixe ta paráthira, káni zésti!" - Mach bitte die Fenster auf, es ist heiß. Das bekomme ich bei passender Gelegenheit mit viel Gelächter immer wieder serviert.
Nachdem allerseits das enorme technische Geschick meines Reisebegleiters lautstark belacht worden war, verbrachten wir noch einen überaus angenehmen Nachmittag im Dorf bei meinen Freunden.
Die Heimfahrt ohne Sauerstoffmangel und bei schon erträglichen Temperaturen war dann vergleichsweise die reinste Wonne. Ob allerdings Herr X diese zwei Stunden besonders genießen konnte, weiß ich nicht, denn diese vielen unnötig verschwitzten Kilometer konnte ich auf keinen Fall unkommentiert lassen - und für diese Kommentare war der Weg zurück an die Nordküste gerade einmal lang genug.
Nein, war nicht ganz so schlimm, sondern eher lustig!