Leseprobe aus "Kreta kriegt sie alle"

Jorgos Konstantopoulos ging zu seinem Wagen, den er vor der Tür geparkt hatte und machte sich auf den Weg nach Agia Galini. Der Tag versprach, wieder sehr heiß zu werden und der Kriminalinspektor dachte wehmütig an sein klimatisiertes Büro in Athen. Als er allerdings die Ebene hinter sich gelassen hatte und am Berg eine Kaserne links der Straße passierte, bemitleidete er nicht länger sich selbst, sondern den bedauernswerten Wachposten, der trotz der Hitze in voller Montur am Tor stand.
In Agia Galini fand er Stelios’ Hotel dank der klaren Beschreibung des Beamten aus Timbaki schnell. Er parkte den Wagen mitten auf der Gasse und betrat die kühle Lobby.
Auf einer Sesselgruppe seitlich der Rezeption saßen zwei Männer. Der eine war ein bärtiger Hüne, der andere eher ein schmales Hemd. Außerdem sah er etwas abgerissen aus. Jorgos Konstantopoulos hatte im Laufe seines Berufslebens gelernt, nichts auf Äußerlichkeiten zu geben, deswegen ging er höflich zu ihnen hinüber. Der Große blickte auf.
„Was kann ich für Sie tun?“
„Guten Tag, mein Name ist Jorgos Konstantopoulos von der Kriminalpolizei Athen.“
Auch der andere beehrte ihn nunmehr mit einem Blick.
„Ein Kriminaler. Welch hoher Besuch in dieser armen, schmuddeligen Hütte!“
Der Hüne schaute ihn drohend an.
„Jak, wenn du noch einmal das Wort ‘schmuddelig’ im Zusammenhang mit meinem Hotel nennst, kannst du dich auf was gefasst machen.“
„Ach, Dickerchen, krieg dich wieder ein, es war nur so daher gesagt...“
Jorgos Konstantopoulos fühlte sich nicht gebührend beachtet.
„Würde es Ihnen beiden sehr viel ausmachen, Ihre Differenzen auf später zu verschieben und kurz Ihre Aufmerksamkeit in meine Richtung zu lenken. Ich bin nicht als Tourist hier und die Qualität und Sauberkeit dieses Etablissements interessiert mich nicht.“
Jak grinste hinterhältig.
„Siehst du, Stelios, dem Herrn Kriminalen ist es egal, ob es hier schmuddelig ist. Du brauchst dich also nicht aufzuregen.“
„Jak, du hast eine sehr überzeugende Art, um Prügel zu bitten!“
Stelios erhob sich drohend halb aus seinem Sessel, allerdings grinste er dabei ebenfalls.
„Herr Kriminalrat, greifen Sie ein, der Bär will mich hauen ...“
Allmählich wurde es Konstantopoulos zu bunt. Die beiden schienen sich für Komiker zu halten. Ihr Verhalten ihm gegenüber entsprach jedenfalls ganz und gar nicht dem, was er gewöhnt war. Seine Stimme wurde nicht lauter, dafür aber eine Nuance schärfer.
„Ich wiederhole mich ungern, meine Herren, ich bin dienstlich hier!“
Zu seiner Befriedigung ließ sich Stelios zurück in den Sessel sinken und deutete mit der Hand auf einen anderen.
„Nehmen Sie doch Platz. Unsere ungeteilte Aufmerksamkeit gehört Ihnen.“
„Es wurde auch Zeit.“
Konstantopoulos nahm Platz.
„Und was verschafft uns das zweifelhafte Vergnügen, die Kriminalpolizei im Hause zu haben?“
„Darf ich zuerst einmal erfahren, ob einer von Ihnen beiden Herr Stelios Pantasakis ist?“
Stelios hob die Hand.
„Hier... anwesend!“
„Schön, dann wäre ja die Hälfte klar. Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“
Jak zuckte die Schultern.
„Mein Name ist Jakob Ostmann, oder besser Jak Anatolis. Leider bin ich nicht der Besitzer dieses sch... ääh, schönen Hotels, sondern eher das, was Sie vermutlich ein arbeitsscheues Element nennen würden.“
„Wie darf ich das verstehen?“
„Nun, ich habe keinen festen Beruf, sondern helfe mal hier oder auch mal da aus.“
„Oder er lässt sich aushelfen“, warf Stelios ein.
Konstantopoulos ließ sich diesmal nicht irritieren. Er wandte sich wieder Stelios zu.
„Herr Pantasakis, dürfte ich erfahren, welches Auto Sie besitzen.“
„Ich habe einen BMW und einen... ach, daher weht der Wind! Aber wieso interessiert sich die Kriminalpolizei aus Athen für meinen Lada, der nur noch Schrottwert besitzt?“
„Ein heller Lada, nicht wahr?“
„Ein heller Lada, das ist richtig. Er liegt momentan unterhalb von Festos in einem Olivenhain. Aber das wissen Sie ja wohl.“
„Sehr richtig, das weiß ich. Und deshalb bin ich hier. Würden Sie mir erklären, wie es zu dem Unfall gekommen ist?“
„Ich bin von der Straße abgekommen.“
„Das ist eine originelle Antwort. Der Grund würde mich mehr interessieren. Hatten Sie getrunken?“
„Nein. Die Bremsen haben versagt...“
„Einfach so?“
„Nein, nicht einfach so. Ich habe den Verdacht, dass jemand daran herumgepfuscht hat. Sie werden das vermutlich selbst noch feststellen oder bereits festgestellt haben.“
Der Kriminalinspektor machte sich ein paar Notizen.
„Wenn Sie also meinen, jemand habe daran herumgepfuscht, gibt es Ihrer Meinung nach dafür einen Grund? Ich meine, könnten Sie sich vorstellen, wer Ihnen Böses tun will. Es hätte ja mehr passieren können als nur ein demoliertes Auto, nicht wahr?“
„Sicher, wir hätten uns auch den großen Zeh oder das Genick brechen können.“
„Wir?“
„Das schmale Hemd hier saß neben mir.“
„Und, haben Sie Feinde? Einen Verdacht?“
„Nicht im geringsten, Chef. Stelios tut niemandem etwas zuleide, alle lieben ihn!“
Stelios beugte sich im Sessel vor.
„Herr Konstantopoulos, ich muss doch noch mal auf meine Frage von soeben zurückkommen. Warum interessiert sich die Athener Kriminalpolizei für einen Autounfall?“
„Ich kann Ihnen keine Einzelheiten nennen, aber mir spukt der Gedanke durchs Hirn, dass man Ihren Wagen möglicherweise mit einem anderen verwechselt haben könnte.“
Jak und Stelios tauschten einen langen Blick. Auf diese Idee waren sie nach Jaks Gespräch mit Kostas und Michalis am vergangenen Abend auch schon gekommen. Aber das ging Konstantopoulos natürlich nichts an.
„Wieso mit einem anderen verwechselt? Mit wem?“
„Das, meine Herren, kann ich Ihnen beim besten Willen nicht auf die Nase binden. Aber ich habe noch drei Fragen. Zum einen, was war der Grund Ihres gestrigen Ausfluges?“
„Wir waren essen.“
„Und wo?“
„In Kalamaki, das Lokal heißt Posidonas, glaube ich.“
„Und Sie sind bis nach Kalamaki gefahren, nur um essen zu gehen?“
„Warum sonst?“
„Das ist eben meine Frage.“
„Herr Inspektor, das waren doch jetzt schon drei Fragen.“
Jak hatte mitgezählt, doch Jorgos Konstantopoulos blieb ungerührt.
„Nein, das gehörte alles zur ersten. Die zweite: Warum haben Sie den Unfall gestern Abend nicht gemeldet, besonders weil Sie ja annehmen, dass jemand Ihren Wagen sabotiert hatte.“
„Um die Zeit kriegen Sie doch keinen Polizisten in Timbaki mehr dazu, sich irgendetwas anzuhören. Wir wollten gerade losfahren, um den Unfall zu melden...“
„Nun, sehr in Aufbruchsstimmung schienen Sie nicht zu sein, als ich eben hier herein kam. Doch lassen wir das. Kennen Sie übrigens zwei Polizisten namens Kostas Grapsakis und Michalis Kourkoutis.“
„Nie gehört. Wer soll das sein?“
„Zwei Polizeibeamte, nicht aus dieser Gegend. Das heißt, nicht mehr. Vor einigen Jahren waren sie noch in Timbaki stationiert.“
„Nein, die Namen sagen mir nichts. Wie sehen die Herren denn aus?“
„Der eine eher untersetzt und korpulent, der andere schlank.“
„Also, so wie wir? Wir sind es aber ehrlich nicht!“
„Und Stelios ist auch nicht ‘untersetzt und korpulent’. Er ist nur ein bisschen gut genährt.“
Jorgos Konstantopoulos merkte zwar, dass er hier auf den Arm genommen wurde, aber er musste ob so viel Frechheit ebenfalls grinsen.
„Wir drehen uns offensichtlich im Kreise. Darf ich also zusammenfassen? Sie haben keine Ahnung, wer sich an Ihrem Auto vergriffen hat, sie haben keine Feinde, Sie kennen die genannten Polisten nicht und Sie haben auch sonst keine Vorstellung, warum ich hier bin.“
„Ich bewundere Menschen, die ein längeres Gespräch so gekonnt auf den Punkt bringen. Und warum sind Sie hier? Kriminalpolizei? Welche Abteilung?“
„Na, soviel darf ich wohl sagen: Mordkommission!“
Jak schaute ihn mit großen Kinderaugen an.
„Wollen Sie damit sagen, es habe hier in der Gegend einen Mord gegeben?“
„Herr Anatolis, langsam glaube ich Ihr naives Getue nicht mehr so ganz. Wollen Sie damit sagen, dass Sie auch davon nichts wissen?“
„Herr Inspektor, ich bin die Innozenz in Person!“
Konstantopoulos war clever genug, nicht nachzufragen, was Jak damit hatte ausdrücken wollen.
„Da Sie also nichts besonders Erhellendes beitragen können oder wollen, haben Sie sicher nichts dagegen, wenn ich mir zum Abschluss unseres Gesprächs Ihre Personalien notiere.“
Stelios und Jak überreichten ihm hoheitsvoll ihre Ausweise, der Kriminalinspektor schrieb sich die Daten ab. Dann gab er die Papiere zurück und erhob sich.
„Wenn Sie noch irgendeine Idee haben sollten, wer hinter Ihrem Unfall stecken könnte, bitte kontaktieren Sie mich. Sie erreichen mich in der Polizeistation von Timbaki. Ihr Auto können Sie ab heute Nachmittag abholen lassen.“
„Wenn irgendetwas für Sie interessant sein könnte, werden wir nicht zögern, uns zu melden.“
„Das beruhigt mich. Einen schönen Tag noch, die Herren.“
Stelios und Jak erhoben sich höflich und schauten dem Kriminalinspektor nach. Als er durch die Tür im Sonnenlicht verschwunden war, schaute Stelios Jak lange an.
„Es könnte eng werden für deine beiden Freunde. Sie sind wohl wirklich irgendwo dumm aufgefallen. Was machen wir jetzt?“
„Im Moment noch gar nichts, denke ich. Die beiden sind in Melambes sicher aufgehoben. Irgendwann heute Nachmittag fahre ich hoch und informiere sie. Außerdem brauche ich ja auch Geld!“

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