Leseprobe aus "In Agia Galini wartet der Tod"

Ich erwachte, als mir jemand eine scharfe Flüssigkeit auf die Lippen träufelte und mir zudem etwas angenehm Kühles auf die Stirn legte. Ich hustete.
"Na, wieder da? Sorry, aber so musstest du wenigstens nicht allzu sehr leiden." "Hast du sie noch alle. Im Moment tut zwar mein Fuß nicht mehr weh, aber dafür mein Kopf. Du hast mir ja schöne Quacksalbermethoden."
"Ach komm schon, bis Weihnachten spürst du nichts mehr. Und wenn ich nicht irre, wirst du schon morgen wieder fast normal laufen können, ich betone, fast normal. Der Fuß war tatsächlich kräftig verrenkt. Ich wundere mich, dass du damit überhaupt bis zu mir gekommen bist."
"Ich bin eben hart wie Stahl."
"Das habe ich eben gemerkt, so wie du gejammert hast. Du kriegst jetzt die ganze Nacht kühle Umschläge für Fuß und Kopf und die Rakiflasche lasse ich dir auch hier. Aber eines würde mich doch interessieren. Wie ist denn das Malheur passiert?"
"Na ja, ich wurde bei meinen Ermittlungen gestört und musste aus dem zweiten Stock springen."
Stelios schnaubte grimmig.
"Dann spring beim nächsten Mal bitte mit dem Kopf zuerst, dann brichst du dir wenigstens das Genick und ich habe keine Arbeit mit dir. Im Klartext heißt das wohl: Du bist irgendwo eingebrochen und musstest verduften."
"So könnte man es auch nennen."
"Warum machst du immer wieder so einen Mist? Irgendwann bin ich mal nicht da, um dir zu helfen, und du Schmalbrust kommst alleine doch nicht klar. Jedenfalls, wenn du dich immer weiter in Gefahr begibst. Und wozu war das Ganze gut?"
"Immerhin habe ich mit hoher Wahrscheinlichkeit die Mordwaffe gefunden."
"Welche Mordwaffe?"
"Das Messer, mit dem der Volksmusikfuzzi erstochen wurde."
"Ach ja? Und wo hast du es gefunden?"
"Im Zimmer seiner Frau, meiner Klientin. Aber so dilettantisch versteckt, dass ich mich wundere, dass das Zimmermädchen es noch nicht gefunden hat."
"Und wer hat dich gestört?"
"Hätte ich warten und mich vorstellen sollen?"
"Vermutlich besser nicht. Du hast also keine Ahnung?"
"Nein, habe ich nicht. Vielleicht das Zimmermädchen, denn Melinda war doch gerade erst weggefahren."
"Vielleicht hatte sie etwas vergessen. Vielleicht ist ihr unterwegs kalt geworden. Wir haben Anfang Mai, da wird es abends schon noch mal frisch, wie du schon selbst bemerkt hast."
"Das kann natürlich auch sein."
"Und was hast du nun als Nächstes vor? Ich meine, ab morgen früh, bis dahin bekommst du nichts außer deinen innerlichen und äußerlichen Anwendungen. Aber du hast ja schon ein paar ganz andere Dinge überstanden."
"Wie ich schon immer sage, Unkraut vergeht nicht!"
Stelios lachte.
"Bei dir trifft dieses Sprichwort wirklich zu. Aber ich gebe dir mal einen kleinen Tipp, obwohl ich mit deiner sogenannten Arbeit im Prinzip nichts zu tun haben will. Ich habe mein Auskommen auch so. Du würdest aber zumindest Marika und mir ein wenig fehlen, wenn du es eines Tages mal übertreibst und dich einer über den Jordan schickt. Denk mal darüber nach. Und wenn du wieder mal irgendwas Gefährliches tun willst, sage mir vorher Bescheid, damit ich dich notfalls rausholen kann. Und das sage ich dir nur einmal! Wenn du jetzt nicht endlich vernünftig wirst, ist dir einfach nicht zu helfen."
Ich war gerührt. Stelios machte sich Sorgen um mich. Doch der Raki tat allmählich seine Wirkung und ich verbot mir jeden weiteren Anfall von Sentimentalität. In Wirklichkeit war es doch so, dass er einfach sonst niemanden hatte, der mit ihm aß und trank ... oder nicht? Ich dämmerte sanft hinweg ...

Samstag
Stelios weckte mich am Morgen.
"Jak, na, wie geht es Kopf und Fuß."
"Das weiß ich doch noch nicht, lass mich erstmal wach werden."
"Dann steh auf und geh ein paar Schritte im Zimmer umher."
Ich folgte brav und war völlig überrascht, dass ich fast beschwerdefrei gehen konnte. Fast ... aber das hatte er ja vorausgesagt.
"Jak, dein Typ wird von der Polizei verlangt."
"Wozu das denn, ist der Inspektor wieder da?"
"Nein, Jorgos war vorhin hier und lässt dir ausrichten, ein gewisser Chortatsis aus Iraklion will dich sprechen. Jorgos machte keinen Hehl daraus, dass dir das seiner Meinung nach nicht gefallen wird."
"Hast du ihm denn gesagt, dass ich hier bin?"
"Hältst du mich für blöde? Ich habe ihm gesagt, ich hätte keinen Schimmer, wo du steckst, aber sobald ich das wüsste, würde ich dir Bescheid sagen."
"Und wenn Jorgos oder Thanassis meinen Wagen unten gesehen haben?"
"Werden sie wohl nicht haben, der steht nämlich derzeit nicht am Hafen, sondern irgendwo oberhalb von Antonis' Taverne in einer Gasse. Da kommen die zwei niemals hin."
"Hast du ihn dahin gefahren."
"Natürlich! Meinst du denn, das sei ein freundliches Heinzelmännchen gewesen? Ich war übrigens außerdem bei dir im Büro. Du weißt ja, Stefanos hat einen Schlüssel und lässt mich rein. Ich habe dir saubere Klamotten und dein Paar Ersatzschuhe geholt."
Er warf eine schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt auf das Bett.
"Das ist ja sehr freundlich von dir, aber wozu?"
Stelios warf beide Arme in die Luft und den Kopf in den Nacken.
"Ich denke, du bist der Detektiv von uns beiden. So schlammbeschmiert wie du ausgesehen hast, gibt es an deiner Absturzstelle bestimmt einige Spuren, z.B. auch von deinen Schuhsohlen. Wäre das nicht denkbar? Zwar haben Jorgos und Thanassis von nichts und niemandem eine Ahnung, aber dieser Chortatsis scheint ein Schärferer zu sein. Erwähntest du mir gegenüber nicht mal irgendwann, du seist ihm schon mal auf die Füße getreten und er könne dich nicht besonders leiden? Na, dann wollen wir ihm doch keine Möglichkeit geben, dir etwas Böses zuzufügen."
"Stelios, du bist genial. Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?"
"Weil du zwar ein kluges Köpfchen bist, aber es an Schlitzohrigkeit mit einem richtigen Kreter nicht aufnehmen kannst. Oder sagen wir noch nicht. Denn du lernst ja einigermaßen flott."
"Genau, deshalb hole ich mir jetzt schnell auf dem Weg zur Polizei einen Hirtenstock und ein schwarzes Kopftuch, und dann wird Chortatsis verarscht."
"Na, viel Spaß, aber übertreibe es nicht. Nicht alle Bullen sind dumm und ungefährlich. Ach übrigens, ich kann dir Kopftuch und Stock leihen. So etwas hängt hier als Touristendekoration rum."
"Um so besser."

Tatsächlich humpelte ich gemächlich zu meinem Auto, um dann in aller Gemächlichkeit bei der Polizeiwache vorzufahren. Bewaffnet mit Hirtenstock und Kopftuch humpelte ich wie ein alter Mann die Stufen empor.
Jorgos saß am Schreibtisch, Thanassis war nicht zu sehen.
"Ach, Jak, da bist du ja. Herr Chortatsis wartet bereits voll Sehnsucht auf dich. Huch, was ist denn mit dir passiert?"
"Ich mache jetzt in Folklore."
Prompt öffnete sich die Tür zum Nachbarzimmer und Peristeris Chortatsis kam herausgeeilt.
"Aha, da sind sie ja endlich. Kommen Sie sofort in mein Büro!"
"Ach, Sie haben hier jetzt ein Büro? Ich dachte immer, das sei das Schlafzimmer von Michalis."
"Anatolis, nur weil Sie mit Inspektor Andreadis eine gewisse freundschaftliche Beziehung zu pflegen scheinen, können Sie sich nicht benehmen wie Sie gerade lustig sein. Sie sind hier bei der Polizei."
Er musterte mich eingehender.
"Abgesehen davon, wie sehen Sie denn aus?"
"Wie ich Ihrem verehrten Kollegen schon mitteilte, habe ich beschlossen, mich um die Tourismusbranche in Agia Galini verdient zu machen, indem ich wie ein echter Kreter als Fotomodell rumlaufe, na jedenfalls fast. Ich finde das eine sehr freundliche Idee von mir."
Seine Stirnadern begannen sichtbar anzuschwellen.
"Anatolis, wollen Sie mich verarschen."
"Nein, lieber Freund, oder wie soll ich Sie anreden? Wie ist denn eigentlich Ihr Dienstgrad?"
"Ich bin Kriminaloberassistent."
"Und was kommt dann als Nächstes?"
"Inspektor."
"Na, dann dauert es ja nicht mehr lange, und Sie dürfen Michalis auch duzen."
Sein Gesicht färbte sich noch dunkler.
"Jetzt ist aber augenblicklich Schluss mit diesen Unverschämtheiten. Reinkommen und hinsetzen!"
"Wenn Sie mich so höflich bitten."
Ächzend erhob ich mich und humpelte ins Hinterzimmer. Ganz schmerzfrei war ich wirklich noch nicht. Als ich mich gesetzt hatte, nahm auch er Platz und blickte mich bohrend an. Vermutlich gab er sich der falschen Hoffnung hin, mich würde das irgendwie beeindrucken.
"Also, was ist nun wirklich mit Ihnen los?"
Ich beugte mich vertraulich vor.
"Nun, ich kann es offensichtlich ja vor Ihnen nicht verbergen, dann werde ich auch die Wahrheit sagen."
Seine Augen begannen zu funkeln.
"Also bitte!"
"Ich bin über Nacht dramatisch gealtert."
Er schaute mich an wie eine Schlange ein Kaninchen. Als er aber bemerkte, dass das Kaninchen offensichtlich daran nur mäßig interessiert war, versuchte er es auf die sanftere Tour.
"Und wo, wenn ich fragen darf, waren Sie, als dieser Alterungsprozess stattfand?"
"In meinem Bett natürlich. Mein Arzt sagt mir seit Jahren, ich sollte nicht so viel Zeit im Bett verbringen, dann altere man nämlich wesentlich schneller. Ich solle mich lieber nachts auf den Straßen und in den Tavernen herumtreiben, da dadurch der Alterungsprozess wenigstens teilweise verzögert werde. Er hat es mir mit dem Satz erklärt, ‚was man in Alkohol einlegt, das hält sich länger'. Und das ist mir bis heute einsichtig."
"Sie haben sich gestern also nicht zufällig draußen herumgetrieben?"
"Ich habe es Ihnen doch gerade erklärt. Wie hätte ich denn sonst über Nacht so altern können?"
"Und Sie waren auch nicht in irgendeinem fremden Hotelzimmer?"
"Ich bitte Sie, Herr Kriminalassistent ..."
"Kriminaloberassistent!"
"Sorry, Herr Ober ... hätte ich mich heute Nacht in einem fremden Hotelzimmer und damit in einem fremden Bett befunden, meinen Sie, dann wäre ich schon aufgestanden? So etwas pflege ich auszukosten. Selten genug ist es ja der Fall, aber dann wäre ich um diese Zeit höchstens beim fünften Gang des Menüs. Andererseits ... das Alter kommt mit Gebrechen."
Ich seufzte kummervoll, erzielte damit aber wenig Wirkung.
"Anatolis, könnte ich mal Ihre Schuhsohlen sehen?"
"Meine Schuhsohlen? Ja, warum denn das? Meine Schuhsohlen sind nun mit Abstand nicht das Erotischste an mir."
Er sprang auf.
"Halten Sie endlich Ihre verdammte Klappe und zeigen Sie mir ihre Schuhsohlen!"
"Ist ja gut, regen Sie sich doch nicht so auf."
Ächzend lehnte ich mich im Stuhl zurück und wuchtete beide Beine auf die Schreibtischplatte. Auch wenn er sich das vermutlich so nicht gedacht hatte, gab er sich keine Blöße.
"O.k., Sie können die Beine wieder runter nehmen."
Als ich wieder vernünftig saß, wollte ich es aber wissen.
"Herr Kriminalober, nun verraten Sie mir doch bitte mal, nach welchen Ermittlungsmethoden Sie hier vorgehen. Was haben meine Schuhsohlen denn jetzt verbrochen?"
"Wir haben heute morgen unterhalb eines Hotelzimmerbalkons einen klaren Fußabdruck gefunden. Jemand ist heute Nacht in das Hotelzimmer eingedrungen und hat die Schränke durchwühlt. Und zwar heftig. Nichts lag mehr auf seinem Platz. Die Dame hat Anzeige erstattet."
Ich war geradezu beleidigt. Da wurde mir unterstellt, ich könne kein Zimmer durchsuchen, ohne dass es jemand merkte! Natürlich, in den Schränken hatte Unordnung geherrscht, aber die war schon vorher da und nicht von mir verschuldet.
"Sie verzeihen die Frage: Welche Dame?"
"Das geht Sie überhaupt nichts an."
"Wenn ich nicht weiß, um wen es geht, könnte ich theoretisch ja auch nicht gestehen, bei ihr gewesen zu sein."
Er schaute mich an wie ein zweiköpfiges Kalb.
"Was sind denn das jetzt für neue Töne? Waren Sie denn da?"
"Wo soll ich gewesen sein?"
"Bei Frau Dernau ..."
Ach was bereitet es doch für ein Vergnügen, dumme Polizisten auszutricksen!
"Ich ... ach, woher denn! Und fehlte was?"
"Sie meinte nicht."
"Was wollen Sie denn dann von mir. Selbst wenn ich dort gewesen wäre und es fehlt nichts, dann dürfte sie sich doch eigentlich nicht beschweren. Nun gut, ich bin nicht mehr der Jüngste, aber auf eines möchte ich Sie doch hinweisen: Die Dame ist meine Klientin. Und meine Klientinnen kommen in der Regel zu mir ins Büro und nicht ich zu ihnen ins Schlafzimmer. Oder wie halten Sie es mit Ihrer Kundschaft?"
Für einen Moment war er sprachlos und ich beschloss, die Gunst der Stunde zu nutzen.
"Überhaupt muss ich mir Ihre seltsamen Anschuldigungen nicht länger anhören, vor allen Dingen deshalb, weil ich mit keinem Wort verstehe, was Sie von mir wollen. Wenn Sie sich nicht klar ausdrücken können, dann haben Sie wohl auf der Polizeischule zu oft im Fach Dialektik gefehlt. Ich für meinen Teil gehe jetzt und möchte von Ihnen erst wieder hören, wenn Sie mir etwas Konkretes vorzuwerfen haben. Denn bei meiner Arbeit können mir nur Polizisten helfen, deren Intelligenzquotient höher liegt als der eines Weißbrots."
Ich stand auf, und auch er erhob sich wutentbrannt. Ich ließ ihn aber gar nicht zu Wort kommen.
"Sparen Sie sich alle weiteren Worte. Sie können mir nichts vorwerfen, also gehen Sie mir nicht auf den Keks. Sollte ich mal Hilfe brauchen, wie gesagt, dann wende ich mich an einen richtigen Polizisten. Jorgos, hilfst du bitte einem alten Mann die Treppe hinunter?"
Das war jetzt wohl endgültig zu viel. Während die Tür hinter mir zufiel, hörte ich ihn brüllen.
"Anatolis, ich behalte Sie scharf im Auge, Sie Mistkerl."


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