Als ich erwachte, wusste ich nicht, wo ich war. Erst nach und nach erinnerte ich mich dann wieder an die vergangene Nacht. Wie konnte mir so etwas passieren? Ich war ein sicherer Motorradfahrer. Ich und stürzen, das war geradezu lachhaft. Und doch war es passiert. War ich etwa am Lenker eingeschlafen, übermüdet genug war ich ja gewesen? Nein, jetzt erinnerte ich mich wieder daran, dass ein dunkles Bündel auf der Straße gelegen und mich zu Fall gebracht hatte. Was war das bloß gewesen? Gab es eine zweite Leiche dort oben. Und man hatte mich noch getreten und als einen "dreckigen Schnüffler" bezeichnet. Da ich der einzige "Schnüffler" in diesen Breitengraden war, lag sicherlich keine Verwechslung vor, man hatte gezielt mich mit den Fußtritten gemeint. Es waren zwei gewesen, also lag es nahe, an meine lieben alten Bekannten von der O.E.T.S.K. zu denken. Immerhin arbeiteten meine grauen Zellen wieder fehlerlos. Aber über was war ich gestürzt?
Der Arzt betrat das Zimmer.
"Oh, der Patient ist wach."
"Wach und ausgeschlafen! Und außerdem tut ihm noch immer alles weh."
"Das ist normal. So wie das Motorrad aussieht."
"Wie sieht es denn aus?"
"Schlecht. Stelios hat es heute morgen mit seinem Pick-up abgeholt und war ausgesprochen schlechter Laune. Ich weiß nicht, ob er dabei an dich oder an seine Maschine gedacht hat."
"Bestimmt an seine Maschine. Sie war doch sein Augenstern."
"Na ja, das kann sein. Aber draußen wartet jemand, der bestimmt nur an dich denkt."
"Das wäre?"
"Erstens Marika. Und zweitens noch eine junge Dame, die ich nicht kenne. Sie ist nicht von hier. Wie fühlt man sich denn so als Pascha?"
"Der Pascha ist krank. Das hat sich ja schnell rumgesprochen."
"Du weißt doch, die Herren von der Polizei wohnen gleich nebenan. Und verschwiegen waren Jorgos und Thanassis noch nie."
"Ja, die beiden Süßen quatschen immer zu viel."
"Wie meinst du das? Meinst du, Jorgos und Thanassis sind schwul? Den Eindruck hatte ich auch schon mal, war mir aber nicht ganz sicher."
"Bin ich mir auch nicht. Aber lass sie ruhig quatschen. Es bricht mir kein Zacken aus der Krone, wenn alle wissen, dass sich der große Jak auf die Schnauze gelegt hat."
"Dem großen Jak geht es aber augenscheinlich schon wieder ganz gut. Jedenfalls seiner großen Klappe. Soll ich dann die Damen mal herein lassen? Einzeln oder im Doppelpack?"
"Das ist mir egal. Aber beantworte mir kurz noch eine Frage: Habt ihr oder hat Stelios am Unfallort irgendwas anderes gefunden außer mir und dem kaputten Motorrad?"
"Was sollen wir schon gefunden haben? Es war stockdunkel und ich hatte genug damit zu tun, deine Reste hier her zu bringen. Stelios hat auch nichts erwähnt. An was hast du denn gedacht?"
"Lag nicht ein dunkles Bündel auf der Straße?"
"Außer dir und deinem Motorrad lag da nichts, auch kein dunkles Bündel."
"Sehr seltsam!"
"Wieso?"
"Ach, nur so. Laß die Frauen rein. Es gelüstet mich nach netter Gesellschaft."
"Jak, dafür bist du im Moment wirklich nicht fit genug."
"Ach, halt die Klappe. Es reicht doch, wenn ich reden und mich bemitleiden lassen kann."
Wenig später standen die beiden Frauen neben meinem Bett, Marika links, Despina rechts. Sie sahen beide besorgt und betrübt aus, Despina fast noch mehr als Marika. Wahrscheinlich kannte die mich schon lange genug, um zu wissen, dass Unkraut selten vergeht.
"Jak, was ist denn passiert?"
"Das wisst ihr doch schon. Ich bin mit der Maschine von Stelios auf die Schnauze geflogen."
"Das wissen wir," mischte sich Despina ein. "Aber warum sind Sie gestürzt?"
"Da lag noch was auf der Straße, was da nicht liegen sollte, ich habe es zu spät gesehen und bums. So einfach!"
"Und wie geht es dir?" Das war wieder Marika.
"Es geht mir schlecht, aber das hilft nichts. Ich muß heute nach Iraklion. Die Pflicht ruft."
"Bist du verrückt?"
"Nein, der Arzt meint, ich hätte nichts gebrochen. Also kann ich auch aufstehen."
"Sie sind wirklich verrückt. Jetzt werden Sie erst mal wieder gesund."
"Vielleicht hast du innere Verletzungen."
"Auf einen oder ein paar Tage kommt es auch nicht an. Wegen ihrer Ermittlungen, meine ich."
"Was für Ermittlungen?"
"Ich habe einen Fall, an dem ich arbeiten muss."
"Und was hat die da damit zu tun?" Marika wies auf Despina.
"'Die da' ist meine Auftraggeberin. Ohne sie und den toten Frosch hätte ich keinen Fall und würde auch kein Geld verdienen. Darf ich vorstellen? Despina, das ist Marika! Marika, das ist Despina!"
"Sehr angenehm!" sagten beide wie aus einem Mund. Es war jedoch kaum zu überhören, dass beide logen. Warum merkt man Frauen immer sofort an, wenn sie sich nicht leiden können? Wir Männer sind da viel zurückhaltender. Wir treten uns zwar schon mal gegenseitig in die Rippen, aber wir lassen uns unsere Abneigung nicht so leicht anmerken. Oder doch? Wenn ich die beiden O.E.T.S.K-Typen das nächste Mal zu Gesicht bekam, würde ich es mir allerdings ganz deutlich anmerken lassen! Diese Scheißkerle. Offensichtlich hatten sie in dem Wissen, daß ich mit dem Motorrad kommen würde, irgend etwas auf die Straße gelegt und mich absichtlich zu Fall gebracht. Sie schienen mich wirklich nicht gut leiden zu können. Aber spätestens seit heute Nacht beruhte das auf Gegenseitigkeit. Ich würde sie kriegen!
"Jak, bist du noch wach?"
"Jak, kann ich Ihnen irgendwie helfen?"
"Jak, wenn du etwas brauchst ..."
"Ich brauche meine Ruhe, damit ich nachdenken und genesen kann. Ich muß nach Iraklion und nach Athen."
"Jak, du bist krank und gehörst ins Bett!"
"Mein Schwiegervater hat es bestimmt nicht mehr eilig."
"Ich dafür um so mehr! Könnt Ihr mich einfach eine Weile allein lassen. Ich werde heute noch im Bett bleiben und hoffen, dass der Schmerz nachlässt. Morgen bin ich aber unterwegs. Ach, und wenn ihr geht, schickt doch bitte noch mal den Arzt herein."
Sie wirkten beide tödlich beleidigt, aber wenigstens gingen sie. Marika drückte mir einen vorsichtigen Kuss auf die Stirn, Despina hielt sich zum Glück zurück und blinzelte mir nur aufmunternd zu. Wenig später kam der Arzt.
"Du wolltest noch was?"
"Ja, tu mir den Gefallen und sag Jorgos und Thanassis Bescheid, sie sollen ein wachsames Auge auf dein Etablissement halten. Ich bin mir nämlich sicher, dass es bestimmte Leute auf mich abgesehen haben und zu einer ernsthaften Gegenwehr bin ich heute leider nicht in der Lage. Wo hast du übrigens meine Pistole hingetan. Oder ist sie verloren gegangen?"
"Sie ist in der Nachttischschublade. Aber wozu brauchst du eine Pistole."
"Das Leben ist eine einzige Gefahr. Besonders in meinem Beruf. Ich sagte dir doch, mein Unfall war kein Zufall. Vermutlich sollte ich dabei draufgehen."
"Wie kommst du darauf?"
"Die Einzelheiten erspare ich dir! Aber sag den beiden Politessen Bescheid, dass sie bitte aufpassen sollen."
"Soll ich vielleicht noch die Nationalgarde herbitten?"
"Ach, lass mich in Ruhe und mach, dass du raus kommst."
"Wie der Herr wünschen."
Er schloss die Tür von draußen. Und endlich konnte ich nachdenken. Welche Verbindung gab es zwischen den eifrigen Herren von der O.E.T.S.K und dem Frosch? Bisher hatte ich nur einen Brief dieser Firma in der Hand, auf den der alte Rousakis vermutlich nie geantwortet hatte. Vertrat die Firma vielleicht die Interessen eines Hintermannes, dem ich zu nahe gekommen war? Da kam auf Anhieb nur Serafis in Frage. Aber konnte der nicht warten, bis sein Vater eines natürlichen Todes starb? Ich würde ihn noch einmal intensiv befragen müssen, sobald ich wieder laufen konnte. Als ich gerade versuchte, mich aus dem Bett zu rollen, um ein paar Kniebeugen als Teil meines umfangreichen Genesungs- und Aufbautrainings zu versuchen, klopfte es an der Tür.
"Herein, wenn es niemand mit einer Schrotflinte ist."
Der Besucher war der sympathische Inspektor Andreadis.
"Ach, Sie sind noch im Lande?"
"Natürlich, ich versuche nämlich einen Mordfall aufzuklären."
"Dann haben wir ja etwas gemeinsam."
"Nur dass ich im Auftrag des Staates handle."
"Und ich im Auftrag meiner Klientin. Ich werde dafür genau so bezahlt wie Sie. Und wahrscheinlich sogar besser als Sie."
"Na, ihre große Klappe hat durch den Unfall offensichtlich wenig gelitten. Aber zur Sache: Ich habe gehört, dass Sie sich bedroht fühlen."
"Wer hat Ihnen denn das geflüstert?"
"Der Arzt war eben nebenan in der Polizeiwache und hat Ihre Wünsche ausgerichtet. Zufällig war ich auch da. Also, stimmt das, Sie fühlen sich bedroht? Wenn ja, werden Sie mir doch sicher sagen, von wem und warum."
Es konnte eigentlich nichts schaden, also erzählte ich ihm genau, was in der vergangenen Nacht passiert war, verschwieg aber, dass ich ziemlich sicher zu wissen glaubte, wer die Bösewichte gewesen waren, die mir nach der Gesundheit trachteten. Ich verschwieg auch die O.E.T.S.K.
"Sie verstehen wohl, warum ich mich bedroht fühle. Leider weiß ich nicht, von wem und warum."
"Aber Sie sehen doch einen Zusammenhang mit 'Ihrem Fall'?"
"Ja, schon, allerdings nur insoweit, als dass ich offensichtlich an etwas gekratzt habe, an dem ich nicht hätte kratzen dürfen. Fragen Sie mich bitte nicht, was das war und wer sich dadurch gestört gefühlt haben könnte."
"Ich habe den Eindruck, dass Sie mir etwas verschweigen."
"Ach was, Herr Inspektor, wie kommen Sie nur darauf?"
"Sei es wie es sei. Wir werden jedenfalls auf sie aufpassen. Und das sollten besser auch tun. Das Leben ist eine einzige Gefahr!"
"Sie zitieren mich."
"Wie bitte?"
"Ach, nichts."
"Na gut, wenn Ihnen noch etwas einfällt, was mich interessieren könnte, sagen Sie mir bitte sofort Bescheid."
"Ehrensache, Herr Inspektor."
"Wovon reden Sie. Ein sogenannter Privatdetektiv und Ehre. Da kann ich ja nur lachen. Wir sehen uns noch."
Er ging zur Tür.
"Das befürchte ich auch!