Die Schiffssirene zerfetzte infernalisch den Morgen. Hennings Trommelfelle vibrierten bis tief ins Gehirn. Alle Knochen schmerzten ihm von der auf den vibrierenden Decksplanken verbrachten Nacht. Seinem vernebelten Bewußtsein gelang es nur mit Mühe, den Kopf dazu zu bewegen, sich aus dem Schlafsack heraus zu strecken. Die Zunge lag ihm wie der feiste Schwanz eines Wasserbüffels quer im Mund und verweigerte jede Bewegung. Schlimm genug, daß die Geschmacksnerven ihre Funktion schon wieder aufgenommen hatten. Elend.
Erneut heulte die Sirene. Dr. Henning Braumeister blinzelte vorsichtig über den Rand seines Schlafsacks und versuchte, in die Wirklichkeit zurückzukehren, ohne daß dies zu sehr weh tat. Er wollte sich selbst ermutigen, doch seine Stimmbänder brachten nur ein mühsames Krächzen zustande. Wie sollte er bloß schaffen, aufzustehen?
Langsam kehrte auch die Erinnerung zurück, schmerzlich, wie meist in letzter Zeit. Viele seiner Bekannten hatten ihn deshalb schon gewarnt, als er ihnen von der Reise nach Kreta erzählt hatte: "Trinke niemals Ouzo und Retsina durcheinander!"
Und was machte er? Er hatte es noch nicht einmal dabei belassen, es mußten noch Bier, Kognak und Rotwein dabei gewesen sein.
Henning stöhnte leise, als er sich mühsam an einer Bank hochzog, auf der noch jemand schlief, fest in den Schlafsack gewickelt und nur als unförmiges Bündel zu erkennen. Ansonsten herrschte auf dem Oberdeck bereits reger Betrieb. Überall wurden Schlafsäcke eingerollt und Rucksäcke geschnürt. Langsam - sonst wäre er ihm möglicherweise heruntergefallen - drehte er seinen Kopf auf die andere Seite. Auch dort wurde emsig gepackt.
"Na, leben der Herr wieder?"
Im ersten Moment fühlte Henning sich nicht angesprochen. Erst als sonst niemand zu reagieren schien, drehte er sich um. Sie war nicht sehr groß und dunkelhaarig. Und sie lächelte ein wenig spöttisch. Henning verstand nicht, was sie von ihm wollte. Er konnte sich nämlich nicht erinnern, sie schon einmal gesehen zu haben.
"Kennen wir uns?"
Das Sprechen fiel ihm schwer.
"Ich fürchte schon." Sie lächelte.
"Du hast gestern wirklich voll zugeschlagen! Und wenn ich deine Frage richtig verstehe, scheint auch dein Filmriß nicht von schlechten Eltern zu sein!"
Da hatte sie wohl recht, daran ließ sich nichts deuteln.
"Ich hätte vielleicht nicht alles durcheinander trinken sollen."
"Für dieses Mal kommt deine Erkenntnis etwas spät! Ich bin zwar auch nicht ganz ausgeschlafen, aber daß du einen Mordskater haben wirst, ist logisch. Du hast die Flaschen geleert auf Teufel komm raus, egal was es war. Und die leeren Flaschen hast du dann über Bord geschmissen, jedesmal ein Stück flacher über die Köpfe der Leute weg. Ich wundere mich, daß es keinen Toten gegeben hat."
Henning fühlte sich immer elender.
"War ich denn wirklich so schlimm?"
Er stöhnte, denn sein Kopf rebellierte wieder.
"Na ja, die meisten haben es nicht so richtig mitgekriegt, die hatten selbst genug getrunken."
Damit beruhigte sie ihn einwenig. Doch nur für einen Moment.
"Als ich dann in den Schlafsack kriechen wollte, wolltest du unbedingt bei mir mit rein. Du hast irgendwas gelallt, die Leute wären dir doch egal und ich sollte mich nicht so anstellen. Zum Glück bist du aber nach einer Weile einfach umgefallen und hast mit dem Gezeter aufgehört. Es war ganz schön mühsam, dich in deinen Schlafsack zu kriegen!"
Erst jetzt fiel Henning auf, daß er sogar noch die Schuhe anhatte. Sein Erinnerungsvermögen kehrte immer noch nicht ganz zurück. Mein Gott, wie hieß dieses Mädchen? Sie plauderte fröhlich weiter und klärte ihn nach und nach über die Ereignisse der letzten Nacht auf. Sie hatten dort drüben gesessen, ein ganzer Haufen Rucksacktouristen, Deutsche, Engländer und Holländer, die Flaschen waren gekreist, ein paar von ihnen hatten Gitarren dabei, und zu den üblichen Liedern wie "Blowin'in the wind" hatten sie sich nach und nach zugesoffen.
"Ich habe mir gedacht, du könntest einen Kaffee gebrauchen!"
Sie schob einen Pappbecher mit schwarzer, dampfender Flüssigkeit zu ihm herüber. Hennings Kater, der inzwischen die Ausmaße eines ausgewachsenen Tigers angenommen hatte, fauchte empört, als er sich den ersten Schluck hastig in den Hals goß. Dabei verbrannte er sich kräftig die Zunge. Immerhin, das konnte er wenigstens wieder fühlen.
"Sag mal, bist du mir sehr böse, wenn ich dich was frage?"
"Das kommt darauf an. Probier es aus!"
"Wie heißt du?"
"Wie bitte? Ich war ja nun auf alles Mögliche vorbereitet, darauf jedoch nicht."
"Ich hatte dich ja vorher gebeten, nicht böse zu sein."
"Na, ich will noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen, aber nur, weil du heute morgen wirklich so bedauernswert aussiehst. Ich hieß gestern Andrea, und so heiße ich auch heute noch. Und bevor du nun auf die Idee kommst, dich ebenfalls vorzustellen, ich weiß noch, daß du Henning heißt. Übrigens wäre es gar nicht schlecht, wenn du langsam mal ein wenig zu dir kommen würdest. Wir sind nämlich gleich da!"
Henning hob den Kopf, was ihm dank des Kaffees inzwischen ohne größere Schmerzen gelang, und schaute zur Reling. Im fahlen Licht des Morgens waren Berge zu erkennen: Kreta.
Mühsam schälte er sich also ganz aus dem Schlafsack und stakste zur Reling hinüber. Gut, daß mich jetzt keiner meiner Klienten sieht, dachte er.
Das Schiff hatte bereits eine äußere Hafenmauer passiert und lief mit gedrosselter Maschine auf eine größere Ansammlung schmutzig grauer Häuser zu, die sich einige sanfte Hügel am Meer hinaufzogen. Der Anblick wirkte nicht sehr aufmunternd, und Henning wäre am liebsten zurück in seinen Schlafsack gekrochen. Wo waren denn hier die weißen Häuser der Ägäisinseln am blauen Meer, die er von so vielen Bildern kannte. Er schloß kurz die Augen, vielleicht spielte ihm ja sein immer noch benebeltes Bewußtsein einen Streich. Doch als er sie dann wieder öffnete, sah alles genau so aus wie zuvor. Richtig, nun fiel ihm auch wieder ein, was er in einem Reiseführer gelesen hatte: Iraklion sei keine romantische Perle der Ägäis, sondern eine nüchterne Zweckstadt, eine kleine Metropole. Das hatte ihn allerdings nicht abschrecken können, genausowenig wie alle anderen an Bord. Was soll's, man konnte diese Stadt ja auch wieder verlassen!
Andrea trat neben ihn.
"Oh je, wie trostlos!"
"Du weißt doch, Iraklion ist nicht unbedingt der schönste Fleck auf Kreta. Warte erst mal ab, woanders gefällt es dir besser."
Er verschwieg diskret, woher er seine Weisheit bezog, denn es ging Andrea schließlich nichts an, daß auch er zum ersten Mal hier war.
Sie tat ihm den Gefallen, nicht weiter nachzufragen, sondern blieb praktisch.
"Ich muß auf jeden Fall erst mal etwas Ordentliches zu beißen bekommen, hier auf dem Schiff gibt es ja morgens nichts Gescheites."
Inzwischen war der Anlegeplatz erreicht, Leinen flogen herüber, wurden festgemacht, und gemächlich zog sich das Schiff mit Hilfe seiner Winden bis ganz an die Mauer heran. Trotz der noch frühen Stunde stand unten schon eine lange Reihe Taxen und Busse, auch einige Fußgänger erwarteten das Schiff. Der eine oder andere Willkommensgruß wurde heraufgewinkt. Auf dem Oberdeck machte sich Aufbruchstimmung breit.
Henning entschloß sich, das Zähneputzen durch einen weiteren Kaffee zu ersetzen, den er allerdings an Land zu sich nehmen wollte. Er rollte nun auch seinen Schlafsack zusammen und machte ihn am Rucksack fest.
Andrea stand noch immer hinter ihm. Hennning überlegte, ob der Eindruck, den er letzte Nacht bei ihr hinterlassen hatte, vielleicht doch nicht ausschließlich schlecht gewesen war. Und das, obwohl er wirklich sehr viel getrunken hatte. Wie sollte er sich sonst erklären, daß diese so hübsche Frau doch recht interessiert an ihm schien. Aber da er momentan mehr mit seinen Kopfschmerzen beschäftigt war, wollte er sich darüber nicht auch noch den Kopf zerbrechen.
"Redet der Herr nicht mehr mit dem gemeinen Volk?"
"Doch, doch," stotterte Henning, "was hältst du von frühstücken?"
Andrea lachte.
"Eins muß man dir lassen, du hast wirklich originelle Einfälle!"