Eine knappe halbe Stunde später fuhren sie im Wagen eines Nachbarn die kurvenreiche Strecke hinunter nach Iraklion. Es war Kostas auch bei zwei weiteren Versuchen nicht gelungen, Michalis von seinem Vorhaben abzubringen. Er saß mürrisch neben seinem Kollegen auf dem Beifahrersitz, denn er hielt immer noch sehr wenig von ihrem Ausflug.
Michalis hingegen schien es kaum erwarten zu können, in Iraklion anzukommen. Er fuhr wie der Teufel höchstpersönlich. Fast in jeder Kurve jaulten die Reifen des Wagens gequält auf.
»Michalis, warum rast du so? Das tote Mädchen läuft uns nicht weg und der spinnerte Hotelier vermutlich auch nicht. Mir wäre es lieber, wenn du etwas langsamer fahren könntest!«
Michalis schien ihn nicht zu hören. Verbissen hockte er hinter dem Lenkrad und schaute geradeaus. Seine Wangenknochen traten noch stärker hervor als sonst, da er die Kiefer fest aufeinander preßte. Und er verringerte die Geschwindigkeit des Wagens in keiner Weise. Kostas seufzte und vertraute auf seinen Schutzengel, der hoffentlich dafür sorgen würde, daß es keine besonderen Probleme geben würde.
Sie bogen auf die alte Hauptstraße ein, was Michalis dazu bewog, noch schneller zu fahren. Kostas war froh, als sie endlich die ersten Häuser der Hauptstadt passierten, denn hier zwang der rege Verkehr Michalis dazu, langsamer zu fahren. Kostas entspannte sich ein wenig.
»Wie hieß noch das Hotel von unserem Hobbydetektiv?«
»Hotel ‘Kriti’. Es liegt an der Platia Elevtherias.«
»Daran erinnere ich mich selbst auch noch. Fahren wir zuerst dorthin, um diese Zeit wird der Typ noch da sein.«
Sie fuhren durch die Chanioporta, eines der alten Stadttore, und blieben auf der Hauptstraße, die durch die Innenstadt führte. Sie passierten die Marktgasse, deren Geschäfte um diese Zeit wieder geöffnet waren, und kurz dahinter die Polizeiresidenz der Stadt. Kostas hielt die flache Hand vor das Gesicht, er wollte nicht zufällig von einem Kollegen erkannt werden. Dann waren sie an der Platia Elevtherias, Michalis schnitt einen anderen Wagen, um diesem noch den Parkplatz wegzuschnappen. Der Fahrer hupte und schimpfte wütend aus dem Fenster. Michalis stieg in aller Ruhe aus, schlug die Wagentür zu und schlenderte zu dem Schimpfenden hinüber.
>»Hör mal zu, mein Freund. Wenn du nicht innerhalb von zehn Sekunden dein Maul hältst und weitergefahren bist, stecke ich dich wegen Beleidigung eines Polizeibeamten hinter Gitter. Wir sind in einem geheimen Einsatz. Also hau schon ab!«
Seine Worte und sein Gesichtsausdruck verfehlten ihre Wirkung nicht. Der andere zog den Kopf ein und gab augenblicklich Gas. Michalis wirbelte den Schlüsselbund des Wagens um den Zeigefinger und schlenderte zu Kostas zurück, der inzwischen ebenfalls ausgestiegen war.
»Gehen wir!«
»Michalis, du solltest vielleicht mit solchen Sprüchen etwas vorsichtiger sein. ‘Geheimer Polizeieinsatz’! Du bringst uns in Teufels Küche, Mann.«
»Schon gut, ich werde ab sofort etwas diskreter sein. Wenn du dann zufrieden bist.«
»Am liebsten wäre mir, du überläßt ausschließlich mir das Reden. Ich habe nämlich so eine Idee, wie wir unseren Detektiv zum Plaudern bringen können.«
»Meinetwegen, Sherlock! Du bist ja schließlich der Schlaumeier von uns beiden.«
Sie betraten das Hotel. An der kleinen Rezeption saß ein junger Mann, der ihnen gelangweilt entgegen blickte. Es schien ihm schon Mühe zu bereiten, überhaupt von seiner Zeitung aufzublicken.
»Ja?«
»Wir hätten gerne Herrn Marmoudakis gesprochen.«
»Worum geht es denn? Wollen sie ein Zimmer?«
»Nein, das wohl nicht, aber wer weiß. Wir wollten Herrn Marmoudakis gerne kennenlernen, weil wir davon gehört haben, daß er ein exzellenter Kenner der Kriminalliteratur sei. Und wir interessieren uns ebenfalls sehr für Kriminalfälle.«
»Da wird der Alte sich aber freuen, daß er so bekannt ist.«
Er hob den Telefonhörer ab und wählte.
»Chef? Hier sind zwei Herren, die Sie sprechen wollen. Wegen Ihrer Bücher, den Krimis und so ...«
Er lauschte einen Moment, dann legte er den Hörer wieder auf.
»Er wird gleich kommen. Wie ich ihn kenne, sogar sofort.«
Er kannte seinen Chef gut, denn er hatte noch kaum ausgesprochen, als sich die Tür des Liftes öffnete und Stavros Marmoudakis herauseilte. Er war immer noch genauso gekleidet wie am Morgen, nur steckte das Hemd derzeit ordentlich in der Hose. Er kam breit lächelnd auf Kostas und Michalis zu.
»Sie wollen mich sprechen?«
»Ja, Herr Marmoudakis. Wir haben nämlich davon gehört, daß Sie ein Experte auf dem Gebiet der Kriminalistik sind und eine bemerkenswerte Bibliothek besitzen, was das angeht.«
Das Wort »Experte« ging Herrn Marmoudakis wie Olivenöl hinunter.
»Ja, ja, das stimmt sicher. Aber daß man davon gehört hat, ist schon erstaunlich. Wo kommen Sie denn eigentlich her, Herr ...?«
»Oh, Verzeihung, ich hatte uns noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Kostas Grapsakis und mein Kollege, ich meine, mein Freund hier heißt Michalis Kourkoutis. Wir kommen aus Chania. Ein Buchhändler hat uns von Ihnen erzählt.«
Stavros Marmoudakis lächelte geschmeichelt. Da war sein Ruf also sogar über die Grenzen des Bezirks hinaus bekannt. Andererseits ... sollte er sich wundern?
»Nun ja, ich verfüge tatsächlich über eine ganz nette Sammlung. Sie ist doch ein interessantes Gebiet, die Kriminalistik, nicht wahr?«»Oh ja, und besonders die Literatur.«
Kostas schaute Herrn Marmoudakis mit bewundernden Augen an. Michalis kam die ganze Komödie sehr albern vor. Er seinerseits hätte sich den Dicken einfach zur Brust genommen, und dann hätte der schon geredet. Er hielt aber vorerst wie versprochen den Mund, da der Hotelier auch bei Kostas Methode sehr redselig wurde.
»Sie interessieren sich also für meine Bibliothek? Warum, wenn ich fragen darf? Sie wissen ja, der Kriminalist ist immer ein wenig neugierig.«
Er kicherte kokett, was überhaupt nicht zu seiner äußeren Erscheinung passen wollte. Kostas zwang sich mühsam, ein Lachen zu unterdrücken und die Komödie fortzuführen.
»Ja, das ist so, Herr Marmoudakis. Ich habe durch Zufall in Chania ein paar Kriminalromane in einer Buchhandlung entdeckt. Sie haben mir sehr gefallen, vor allen Dingen, weil dort die Polizeiarbeit so gut beschrieben wurde. Und die von Privatdetektiven. Das interessierte mich wirklich, denn ich habe mir überlegt, vielleicht in Chania ein Detektivbüro aufzumachen. Und als ich meinem Buchhändler davon erzählte, sagte er zu mir, ‘dann mußt du unbedingt vorher zu Stavros Marmoudakis nach Iraklion gehen und ihn fragen, ob er dir nicht bei deiner Ausbildung helfen kann. Denn der Mann ist ein Experte!’«
Der Hotelier wuchs sichtlich noch ein paar Zentimeter.
»Ich bitte Sie, meine Herren. Ganz so ist es ja nun auch wieder nicht. Die Kriminalistik ist nur mein bescheidenes Hobby. Aber ich weihe sie gerne ein wenig darin ein. Kommen Sie doch einfach mit nach oben.«
Er hatte vollkommen vergessen, daß er an diesem Abend eigentlich den Busfahrer Stelios suchen wollte, um seinem Fall nachzugehen. Diese beiden Herren wollten etwas von ihm lernen. Das ging vor!
Kostas und Michalis folgten ihm in sein Arbeitszimmer im vierten Stock des Hotels. Hier und im Nebenzimmer - der »Bibliothek« - hortete er seine Schätze. Tatsächlich standen die Regale, die alle Wände des Zimmers bedeckten, voller Bücher in verschiedenen Sprachen. So viele Bücher hatten Kostas und Michalis in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen, weder auf einmal noch überhaupt insgesamt. Ihre Reaktion auf die Bibliothek schien auch entsprechend auszufallen, denn Stavros Marmoudakis nickte zufrieden und begann ohne weitere Aufforderung mit einer Führung durch die Regale. Er hatte die Bücher nach den Namen der jeweiligen Detektive, Inspektoren, Kommissare oder Agenten sortiert, und er wußte zu jedem von ihnen etwas zu erläutern. Als sie bei B wie »Brown, Father« angekommen waren, fiel ihm ein, daß er seinen Gästen noch nichts angeboten hatte. Dies holte er sofort nach und ließ durch den jungen Mann an der Rezeption zwei Flaschen Kognak heraufbringen. Bei J wie »Jury, Inspektor« hatten sie die erste, bei M wie »Marple, Miss« die zweite Flasche vernichtet. Stavros Marmoudakis ließ flugs für Nachschub sorgen, erledigte den Rest des Alphabets im Schnelldurchgang, da er gewisse Probleme bezüglich seines Gleichgewichtes hatte, und setzte sich dann mit seinen beiden Gästen um seinen Schreibtisch. Er erhob sein Glas.
»Meine Herren, ich trinke auf all die Geistesgrößen, die diesen unermeßlichen Schatz krimineller Aktivität geschaffen haben.«
Mit einer großzügigen Armbewegung deutete er noch einmal auf seine Bibliothek. Dabei verschüttete er fast den gesamten Inhalt seines Glases. Seine klare Aussprache hatte er inzwischen ebenfalls verloren. Kostas hatte die ganze Zeit über nur sehr zurückhaltend getrunken und langsam das Geschwafel des Hoteliers satt. Er ging in die Offensive.
»Es ist wirklich beinahe schade, daß es hierzulande wenig in dieser Hinsicht zu erleben gibt.«
Stavros Marmoudakis rülpste und wandte sich ihm dann zu, nachdem er das nun völlig leere Glas sicher auf dem Schreibtisch untergebracht hatte.
»Das stimmt natürlich. Doch es gibt immer mal wieder auch bei uns etwas Kriminelles, das man aufklären kann und aufklären sollte.«
Er war betrunken, aber er hielt sich immer noch hervorragend.
»Gerade erst gestern hat es hier in Iraklion einen Mord gegeben.«
»Ach, tatsächlich? Davon haben wir ja noch überhaupt nichts gehört!«
»Morgen wird es in jeder Zeitung stehen, meine Freunde.«
Und ungefragt erzählte er ihnen nun alles. Wie ein Wasserfall schilderte er, was er wußte und was er vermutete. Kostas hörte ihm die ganze Zeit aufmerksam zu, während Michalis auf dem Sofa eingeschlafen war. Er hatte ebenfalls ein wenig zuviel getrunken. Irgendwann beendete Stavros Marmoudakis seinen Vortrag, trank noch einen kräftigen Schluck, diesmal direkt aus der Flasche, dann fiel sein Kopf nach vorne, und er begann zu schnarchen. Kostas erhob sich vorsichtig, rüttelte Michalis wach, der ausgesprochen unlustig reagierte, und zog ihn diskret aus dem Zimmer.
Unten an der Rezeption saß im Moment niemand. Das ermöglichte es Kostas und Michalis, das Haus unauffällig zu verlassen.